DVZ – Die den Reedern die Stirn bietet

(Written by Werner Balsen)

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15 November 2013 - Eine Totale von oben zeigt: Gestaltlose Wesen, Arbeiter – wie bei Fritz Lang eine Art Arbeitsameisen – und ein gestrandetes, riesiges Schiff, dann, in der Dunkelheit, das Licht von vielen Schweißbrennern.”

So beginnt die Begründung der Jury für den Grimmepreis 2010, der an den Film “Eisenfresser” den der aus Bangladesch stammende und in Berlin lebende Filmemacher Shaheen Dill-Riaz erhielt.

Der Film greift das Schicksal von Landarbeitern auf, die den Norden Bangladeschs verlassen müssen, um beim Abwracken von Schiffen an den Stränden im Süden des Landes ihren Lebensunterhalt zu verdienen.

Der Streifen und die Freundschaft mit dem Regisseur veränderten das Leben von Patrizia Heidegger. Seither kämpft die 32-Jährige gegen das Verschrotten von Seeschiffen an den Stränden von Bangladesch, Pakistan und Indien.

David gegen Goliath

Es ist nicht leicht, das Brüsseler Büro der Shipbreaking Platform zu finden, einer Koalition von 18 internationalen Organisationen, die gegen das “wilde” Recycling von Ozeanriesen an den Küsten Südasiens vorgehen. Weitab vom Europa-Viertel, in einer kleinen Straße des bunten Stadtteils Saint Gilles, lässt sich das alte Fabrikgebäude, das eine Reihe von Organisationen beherbergt noch mit einiger Mühe finden. Völlig unmöglich ist es dann, im verwinkelten Inneren das winzige Büro der Plattform auszumachen. In einem Zimmerchen sitzt Heidegger, Rücken an Rücken mit einer Kollegin.

Von hier aus führt David den Kampf gegen Goliath – von hier versucht die Shipbreaking Platform, es in puncto Lobbying mit Europas Schiffseignern und ihren Interessenvertretungen aufzunehmen.

Seit rund einem Jahr ist Heidegger Geschäftsführerin der Plattform. Informationen über Schiffsabwracken ohne Beachtung von Umweltschutz- und Gesundheitsvorschriften für die Beschäftigten sprudeln nur so aus ihr heraus. Keine Frage, über die sie länger nachdenken müsste. Kein Zweifel, sie steckt tief im Thema.

Die Frau mit der großen dunklen Brille und dem modischen Ring im linken Nasenloch entspricht so dem Typ junger, manchmal sehr junger Menschen, der in Brüssel oft anzutreffen ist und Älteren leicht Respekt einflößt: dynamisch, gewandt, mehrsprachig und überaus qualifiziert.

Auf Heideggers kleinem Schreibtisch liegt ein Bild. Es zeigt einen malerischen Strand, auf dem im Vordergrund Sonnenschirm und Klappstuhl stehen. Im Hintergrund liegen riesige Schiffe, die darauf warten abgewrackt zu werden. Darüber die Frage: “Würden wir das in Europa zulassen?” “Das ist das Logo unserer Kampagne”, erläutert Heidegger.

Bis zum vergangenen Sommer versuchte die Plattform Einfluss zu nehmen auf die EU-Gesetzgebung für das Abwracken von Schiffen. Weil Schiffe große Anteile an Asbest und anderen Schadstoffen enthalten, gelten sie als Sondermüll. Deshalb müssten sie in einem der EU-Staaten entsorgt werden. So die rechtliche Theorie. Da Schiffe aber rund um den Globus unterwegs sind, können Reeder sie auf hoher See leicht zum Verschrotten in Südasien verkaufen. Das ist nicht illegal.

Um das Recht der Realität anzupassen, verabschiedete die EU im Sommer 2013 ihre Recycling-Verordnung. Der zufolge dürfen Schiffe außerhalb Europas recycelt werden – aber nur, wenn die Abwrackanlagen von Brüssel als umweltfreundlich und sicher anerkannt sind.

Das Glas ist halbvoll

“Eigentlich dürfte es jetzt nicht mehr möglich sein, die Schiffe an den Stränden Südasiens zu verschrotten”, sagt Heidegger, und fügt hinzu: “Eigentlich”. Denn durch Ausflaggen ihrer Pötte können Schiffseigner auch diese Verordnung umgehen.

Und das ist für sie attraktiv. Denn von Unternehmen in Südasien erhalten sie das meiste Geld für ihre Schrottschiffe. Weil die Firmen weder Umwelt- noch Sozialgesetze zu beachten haben, können sie höhere Preise für eine Tonne Stahl zahlen als Konkurrenten in Europa. Der Unterschied kann leicht 300 EUR pro Tonne betragen. Deshalb hat die neue EU-Verordnung für Heidegger eher “symbolischen Charakter”.

Gemessen am Ziel der Kampagne ist die Shipbreaking Platform den Interessenverbänden von Reedern und Seehäfen unterlegen. Deshalb sind ihre Aktivisten “aber nicht ganz niedergeschlagen, nur ein bisschen”.

Heidegger gehört zu denen, für die das Glas halbvoll und nicht halbleer ist. “Auf unsere Initiative hin hat das Europäische Parlament eine Studie über das Problem auf den Weg gebracht und der Berichterstatter hat einen Fonds vorgeschlagen, in den alle Schiffe einzahlen müssten, die einen EU-Hafen anlaufen.”

Aus diesem Fonds sollten den Reedern das Geld erstattet werden, das sie einbüßen, wenn sie ihr Schrottschiff nicht an den Küsten Südasiens, sondern in Europa verschrotten lassen. Der Fonds hat es zwar nicht ins Gesetz geschafft, aber die EU-Kommission hat den Auftrag bekommen, seine Realisierungschancen zu prüfen. “Auf dieses Prüfverfahren versuchen wir jetzt natürlich Einfluss zu nehmen”, sagt Heidegger und lacht.

Patrizia Heidegger

Amnesty International, der Hohe Flüchlingskommissar der Vereinten Nationen, Menschenrechtsorganisationen im In- und Ausland: Die im württembergischen Weingarten geborene 32-Jährige hat sich schon während ihrer Schulzeit vielfältig engagiert. Und immer wieder führte sie der Weg nach Südasien – vor allem nach Indien und Bangladesch. Dort, rund um die Stadt Chittagong, entdeckte sie das “wilde” Abwracken von Schiffen am Strand, das sie zu ihrem jüngsten Engagement bei der Shipbreaking Platform brachte. Angefangen hat sie in der Organisation als Medienbeauftragte.