global° – Abwrackprämie – fette Gewinne für Reedereien

(Written by Jessica Thomsen)

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10 July 2013 - Seit 2005 engagiert sich die Shipbreaking Platform für eine umwelt- und arbeiterfreundliche Entsorgung von großen Frachtschiffen. Erklärtes Ziel ist es, die gängige Praxis der kostengünstigen Verschrottung ausrangierter Schiffe an den Stränden Indiens, Pakistans und Bangladeschs zu beenden, da dies seit Jahren zu starken Verschmutzungen, gefährlichen Arbeitsbedingungen und zur Ausbeutung der Arbeiter führt.

Im Interview erklärt Patrizia Heidegger, Geschäftsführerin der Shipbreaking Platform, warum Schiffseigner ihre alten Stahlriesen lieber in Entwicklungsländer verkaufen als sie direkt in Europa zu verschrotten: fette Gewinne, keine Auflagen – ein lukratives Geschäft für jeden Reeder.

global°: Frau Heidegger, wie viel kostet eigentlich eine umweltfreundliche Entsorgung eines alten Frachters?
Patrizia Heidegger: Das Recycling alter Schiffe kostet den Reeder nichts, er erhält für den Verkauf seines alten Schiffs noch beachtliche Summen. Der Stahl, aus dem Schiffe gebaut sind, ist sehr wertvoll.

Der Preis, den der Eigentümer erzielen kann, hängt von zwei Faktoren ab: zunächst die Größe des Schiffes, also letztlich die Menge an Stahl, die wiederverwertet werden kann, und schließlich die Bedingungen, unter denen abgewrackt wird. Den meisten Profit aus einem alten Schiff können Reeder in Südasien ziehen, wo die Schiffe unter gefährlichen Bedingungen direkt auf den Stränden von ungeschützten und mangelhaft ausgebildeten Arbeitern zerlegt werden. Diese Bedingungen wären in Europa niemals zulässig – weder aus Umweltschutz- noch aus Arbeitsrechtsperspektive.

Über welche Summen sprechen wir denn?
In Indien, Bangladesch und Pakistan erhält der Eigentümer rund 400 US-Dollar pro Tonne. Größere Containerschiffe, wie sie 2012 von deutschen Reedereien wie Hapag Lloyd oder Conti nach Indien zur Verschrottung auf die Strände geschickt worden sind, haben eine Verdrängung von rund 15.000 Tonnen – das heißt, der Verkauf hat den Reedern rund 6 Millionen US-Dollar pro Schiff eingebracht.

Gibt es Alternativen?
Je umweltfreundlicher und sicherer für die Arbeiter ein Schiff verschrottet wird, umso kleiner wird dieser Profit: Chinesische und türkische Werften können 300 oder 320 Dollar pro Tonne bezahlen. Bei grünem Schiffrecycling innerhalb der EU bleiben – je nach Menge der giftigen Abfälle an Bord – vielleicht 100 oder 150 Dollar pro Tonne.

Entscheidend für den Preis einer umweltfreundlichen Verschrottung ist die Menge an gefährlichen Stoffen an Bord. Vor allem die Entsorgung von Asbest, wenn sie sauber und sicher gemacht wird, ist teuer. Das mindert den Preis für ein altes Schiff.

Welche Vorschriften gelten denn bei uns in Europa?
Wenn ein Schiff in Europa verschrottet wird, gelten strenge Regeln, beispielsweise, dass die Arbeiter Asbest nur in 100  Prozent abgedichteten Räumen entfernen dürfen. Aufgrund der schweren Sicherheitsbekleidung und Atemgeräte können sie auch nur eine oder zwei Stunden am Stück arbeiten. Die Luft – selbst das Duschwasser der Arbeiter – wird gefiltert, um sicherzustellen, dass keine einzige Asbestfaser in die Luft gelangt.
In Pakistan haben wir im Dezember beobachtet, wie die Arbeiter Asbest nur mit Lederhandschuhen ausgestattet herausreißen.

Da erkennt ja selbst der Laie die gravierenden Unterschiede.
Ja, es gibt verschiedene Abstufungen der Umweltfreundlichkeit und vor allem der Arbeitssicherheit. Während es in Europa die höchsten Standards gibt, ist auch bei der Verschrottung in China oder der Türkei von einem vergleichsweise hohen Grad an Umweltfreundlichkeit auszugehen. Letztlich ist es eine Entscheidung des Reeders, wie umweltfreundlich und sicher er entsorgen möchte.
Wenn ein deutscher Reeder sich etwa entscheidet, ein Schiff in China zu verschrotten, empfiehlt es sich, Experten hinzuzuziehen, welche die umweltfreundliche Verschrottung vor Ort begleiten und dokumentieren. Dadurch entstehen natürlich Kosten, welche vom Profit abgezogen werden müssen.