Greenpeace Magazin – Schwimmende Giftmülldeponien

(Written by Kerstin Pasemann)

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21 September 2012 -
Das Containerschiff „Northern Vitality” sollte nach Indien zum Abwracken. Doch weil es mit Sondermüll belastet ist, sitzt es nun in Wilhelmshaven fest. Dank „Shipbreaking Platform” wurde das Containerschiff gestoppt. Wir haben mit Delphine Reuter von der Organisation über die „Northern Vitality” und Schiffsfriedhöfe gesprochen.

greenpeace-magazin.de: Das Containerschiff ist fünfzehn Jahre alt und noch in einem relativ guten Zustand. Trotzdem soll es abgewrackt werden. Warum?

Delphine Reuter: Nur die Besitzer entscheiden, was mit dem Schiff geschehen soll. Es abzuwracken ist wahrscheinlich die Folge finanzieller Entscheidungen. Der Eigentümer hat offenbar abgewogen zwischen dem, wieviel Geld ihn das Schiff derzeit kostet und wieviel er beim Verkauf nach Indien verdienen würde.

Generell werden zurzeit sehr viele Schiffe abgewrackt. Auch die Schiffsindustrie ist betroffen von der Finanzkrise.

Ja. Viele Schiffe fahren nicht und liegen in den Häfen. So bringen Sie ihren Besitzern kein Geld ein. Oft ist es deshalb profitabler, sie zu verschrotten.

Was wird mit der „Northern Vitality” jetzt geschehen?

Der Export des Schiffes ist gestoppt. Erst wenn es von seinen Giftstoffen gereinigt würde, könnte man es in eines der Entwicklungsländer exportieren – das kann nur geschehen, wenn garantiert ist, dass es während der Überfahrt heil bleibt. So ist es wahrscheinlicher, dass es zum Abwracken in fortschrittlichere Länder kommt. Da die Entsorgung in EU-Ländern sehr teuer ist, kann es sein, dass die „Northern Vitality” in die Türkei gebracht wird.

Warum enthalten Schiffe wie die „Northern Vitality” so viel Giftstoffe?

In den Schiffen werden viele Gifte, wie Asbest, giftige und krebsauslösende chemische Chlorverbindungen, Blei, Quecksilber und andere Schwermetalle verarbeitet. Dieser hochgiftige Abfall verschmutzt die Küste und gefährdet Natur und Siedlungen. Zudem läuft Schweröl aus den Schiffen direkt in Meerwasser. Es ist eine immense Belastung der Umwelt und gefährdet die Menschen dort.

In welche Länder werden die Altschiffe vorwiegend verkauft, um sie dort billig abzuwracken?

In erster Linie werden solche Schiffe nach Südasien überführt, an die Strände Indiens, Bangladeschs oder Pakistans. Dort werden sie mithilfe der Gezeiten zum Stranden gebracht und ausgenommen. Circa 800 Öltanker, Gastanker, Container- und Kreuzfahrtschiffe finden dort pro Jahr ihr Ende.

Die Firmen in Europa verdienen am Schiff während dessen Einsatzes. Was geschieht danach?

Wenn der Marktwert des Schiffes fällt, wird es verkauft. Beim Abwracken werden Stahl und andere Rohstoffe aus den alten Schiffen ausgebaut. Das dürfte den Besitzern immer noch Geld bringen, doch die giftigen Hinterlassenschaften werden einfach außer Acht gelassen. Diesen Preis bezahlen die örtlichen Gemeinden. Das Abwracken ist in Gebiete verlegt worden, wo die Löhne am niedrigsten sind und Umweltgesetze am wenigsten streng befolgt werden.

Welche Folgen haben Schiffsfriedhöfe für die Entwicklungsländer?

Es ist erschreckend Strände zu besuchen, an denen Schiffe abgewrackt werden. Die Umwelt wird verseucht, Arbeiter sind schutzlos – oftmals tragen sie bloß einen Schal über dem Mund, um sich etwa vor Asbest zu schützen. Das kann tödlich sein. Die Sicherheitsbestimmungen werden lax gehandhabt: Arbeiter können von riesigen Stahlplatten zerquetscht werden, die einfach vom Schiff geschnitten werden und auf den Strand fallen. Oftmals sind sie Wanderarbeiter aus anderen Ländern und können die Sprache nicht. Die Löhne sind niedrig und die Gewerkschaften haben meistens nur wenig Einfluss auf die Arbeitsumgebung. Giftstoffe fließen oft direkt ins Meer und verschmutzen die Küsten.