NDR – Der giftige Gewinn norddeutscher Reeder

(Written by Kathrin Drehkopf)

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Listen to the interview of Patrizia Heidegger, Executive Director of the NGO Shipbreaking Platform (in German)

7 February 2014 - Arbeiter ohne Schutzkleidung, Giftstoffe, die nicht fachgerecht entsorgt werden: Trotz verheerender Umwelt- und Sicherheitsstandards haben im vergangenen Jahr viele norddeutsche Reeder ihre Schiffe in Entwicklungsländern wie Indien, Pakistan oder Bangladesch verschrotten lassen. Dort ist in den vergangenen Jahren eine Abwrackindustrie für alte Schiffe entstanden. Grund: Ausgediente Frachter sind eine Fundgrube für wertvolle Baurohstoffe wie Stahl.

“Ich hatte keinen Job und brauchte Geld”

Die Verschrotter arbeiten zum Beispiel am Strand von Alang an der indischen Westküste. Dort schweißt eine Gruppe Männer Stahlstücke aus einem Schiffsdeck. Der Rumpf des großen Containerschiffes hat sich tief in den nassen Sand gebohrt. Sujit Mudonawal ist neu im Team. Der 23-Jährige kommt ursprünglich aus dem etwa 2.000 Kilometer entfernten Bundesstaat Uttar Pradesch westlich von der Hauptstadt Delhi. Er berichtet: “Ich hatte keinen Job und brauchte Geld. Also bin ich nach Alang gekommen. Ich weiß, dass die Arbeit hier gefährlich ist. Aber wir haben ja zum Beispiel Handschuhe”.

Barfuß und ohne Schutzmasken

Schutzkleidung sei in den “shipbreaking yards” genannten großen Schiffs-Verschrottungs-Anlagen eher selten, erzählt Patrizia Heidegger. Sie ist Geschäftsführerin der Nichtregierungsorganisation “Shipbreaking Platform”, die sich für bessere Umwelt- und Arbeitsbedingungen beim Schiffs-Recycling einsetzt.

Besonders verheerend sei die Situation in Pakistan oder Bangladesch. Dort agierten viele Arbeiter im Schlamm der Gezeitenzone. “Das heißt, viele können gar keine Schuhe tragen, weil sie mit Stiefeln im Schlamm stecken bleiben würden.” Sie bewegen sich barfuß, während sie tonnenschwere Stahlteile tragen. Ein weiteres großes Problem sei, dass die Arbeiter giftigen Stoffen und Gasen ausgesetzt seien – und keine Masken trügen.

Giftstoffe werden nicht umweltgerecht entsorgt

Zudem würden Giftstoffe wie Asbest oder Schwermetalle nicht umweltgerecht entsorgt, sagt Heidegger. Trotzdem hätten deutsche Reeder rund 70 Schiffe im vergangenen Jahr nach Südasien verkauft, wie eine aktuelle Erhebung von “Shipbreaking Platform” zeigt. Unter den Unternehmen befinden sich auch die norddeutschen Reedereien Leonhardt und Blumberg Group, die Reederei Claus-Peter Offen, die F. Laiesz Schifffahrtsgesellschaft und das Traditionsunternehmen Hapag-Lloyd.

Auf Anfrage hat NDR Info zu den Vorwürfen keine Antworten erhalten. Nur Hapag Lloyd teilte schriftlich mit: “Wir verkaufen nicht mehr benötigte Schiffe grundsätzlich nicht an Verschrotter, sondern zur weiteren Verwendung an andere Betreiber.” Nach Recherchen von “Shipbreaking Platform” sind die sechs Hapag-Lloyd-Schiffe allerdings nach dem Verkauf vom neuen Eigentümer in ein billiges Register umgeflaggt worden und direkt nach Indien zur Verschrottung gefahren.

Mittelsmann lässt Schiffe gewinnbringend verschrotten

Die Methode, Frachter an einen Mittelsmann zu verkaufen, der die Schiffe gewinnbringend verschrotten lässt, sei in der Branche gängig, sagt Patrizia Heidegger. Der Verband deutscher Reeder (VDR) bestreitet das nicht. Sprecher Christof Schwaner sagt, dass die Reeder durch die Branchenkrise nach wie vor wirtschaftlich unter Druck stünden – und Schiffe zum bestmöglichen Preis verkaufen müssten. Die Reeder entschieden nicht allein, an wen die Schiffe verkauft würden, “sondern die Anteilseigner.” Diese seien “diejenigen, die den Druck ausüben, dann einen Preis zu bekommen, bei dem man nicht so viel Geld verliert, wie man es sonst würde”.

Forderung nach Selbstverpflichtung – Dänen machen es vor

Eine Lösung des Problems könne nur die rasche Umsetzung der sogenannten Hong Kong-Konvention bringen, so Schwaner. In dieser Vereinbarung hat die internationale Seeschifffahrts-Organisation weltweit verbindliche Standards für das Schiffs-Recycling formuliert. Sie muss aber noch von mehreren Ländern ratifiziert werden. “Shipbreaking Platform” fordert von deutschen Reedereien daher, schon jetzt entsprechende Selbstverpflichtungen einzugehen – so, wie es andere vormachen: Die dänische Großreederei Maersk etwa lasse ihre Schiffe schon jetzt freiwillig unter guten Umwelt- und Arbeitsbedingungen verschrotten.