NDR – Die NordLB und die letzte Reise der “King Justus”

(Written by Jürgen Webermann (ARD-Studio Neu Delhi) and Peter Hornung (NDR Info))

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4 February 2015 - Es sollte eine gute Geldanlage werden, doch am Ende sind ein Mensch tot und viele andere ihr Geld los. Die “King Justus”, ein Containerschiff eines Hamburger Investmenthauses, fuhr geradewegs in die Pleite. Das Schiff wurde, wie viele deutsche Schiffe, auf dubiosen Wegen nach Indien gebracht – und dort von Arbeitern unter lebensgefährlichen Bedingungen verschrottet. Doch der Weg der “King Justus” lässt sich minutiös nachzeichnen. Und auch der Geldgeber hinter dem Geschäft ist bekannt: die NordLB, die Norddeutsche Landesbank mit Sitz in Hannover.

Martin Girrbach hatte sich darauf gefreut, stolzer Mitbesitzer eines kleinen Containerschiffs namens “King Justus” zu sein. Girrbach, mittelständischer Unternehmer aus Baden, hoffte, dass das Schiff eine gute Anlage sein würde. “Ich bin selbstständig, und ich muss für meine Altersvorsorge selbst sorgen. Wir wollen einfach unser Vermögen aufbauen, sodass wir zu einem Stichtag X eine Summe an Geld zur Verfügung haben, von der wir dann auch später leben können und auch leben müssen.”

Eingefädelt hatte das Investment die Hamburger Firma König & Cie. Die blumigen Werbeversprechen von König & Cie. müssen Anlegern wie Girrbach heute wie Hohn klingen: “Das was wir anbieten, müssen wir wirklich können, verstehen und einhundert Prozent dahinterstehen. Sonst lassen wir das lieber. Qualität und Sicherheit stehen eben an erster Stelle” – so hieß es in einem Werbefilm, der sich heute noch im Internet findet.

Zum Verschrotten nach Südasien …

Die Idee von König & Cie. war, die weltweite Schifffahrtskrise zu nutzen und billig ältere Schiffe einzukaufen, die noch einige Jahre auf den Meeren fahren und von der wirtschaftlichen Erholung profitieren. Hauptgeldgeber war die NordLB in Hannover, die Landesbank von Niedersachsen und Sachsen-Anhalt, die Anleger steuerten nur einen kleineren Teil bei.

Doch dann ging ein Schwesterschiff wegen einer teuren Reparatur pleite und riss die Schiffsgesellschaft der “King Justus” mit sich. Das Schiff wurde jetzt von einem Insolvenzverwalter, einem Rechtsanwalt aus Hamburg, übernommen. Die “King Justus” sollte nun offenbar verschrottet werden – in Südasien, wo die höchsten Schrottpreise gezahlt werden.

Auf dem Weg zum Schiffsfriedhof

Nach Recherchen von NDR Info wurde das Schiff von einer Tarnfirma im Internet angeboten, deren Spuren zu einem Schiffsdienstleister in Ägypten führen. Dann griff offenbar ein indisches Unternehmen zu, das auf Schrottschiffe spezialisiert ist. Ende August 2014 erreichte die “King Justus” den Strand von Alang im Westen Indiens.

Dort arbeitete damals auch Prashant Dakua. Der junge Mann, 27 Jahre alt, stammt aus einem Dorf in Ostindien. In indischen Dörfern gibt es aber kaum Perspektiven. Millionen wandern entweder in die großen Metropolen – oder eben nach Alang. Der Schiffsfriedhof dort gilt als der größte der Welt. Der Strand ist in 170 Abschnitte unterteilt. Die Kapitäne setzen die Supertanker, Containerschiffe, Fähren oder Kreuzfahrtschiffe bei Hochwasser einfach auf den Sand. Dann übernehmen Arbeiter wie Prashant.

“Sein Gesicht war völlig entstellt”

Ihre Arbeitsbedingungen sind extrem. Der Schiffsfriedhof von Alang ist berüchtigt, 35.000 Männer leben und arbeiten dort. Für sie gibt es laut einer neuen Untersuchung gerade einmal sechs Toiletten und zwölf Duschen. Die meisten Männer hämmern, schweißen und schleppen ohne Schutzbrille, ohne Helm oder Schuhe. Sie tragen einfache Schlappen. Mehrfach pro Jahr kommt es zu schweren Unfällen.

Am 22. September des vergangenen Jahres wird die “King Justus” für Prashant Dakua zur Todesfalle. “Es muss eine Gasexplosion gewesen sein”, sagt Krishna, der aus Prashants Heimatdorf stammt und die Hütte in Alang mit Prashant geteilt hatte. “Sein Gesicht war völlig entstellt.”

Offiziell heißt es, dass Prashant auf einer Leiter ausgerutscht und vom Schiff gestürzt sei. Von seinem Monatslohn von rund 150 Euro im Monat war seine komplette Familie in Ostindien abhängig. Prashants Vater hatte sich gerade hoch verschuldet. Denn drei Monate vor seinem Tod hatte Prashant in seinem Heimatdorf geheiratet. In Indien sind Hochzeiten Großereignisse. Die Familie Dakua wollte die Kredite für das Fest mit Prashants Geld aus Alang zurückzahlen. Als Prashant starb, war seine junge Ehefrau schwanger.

Warum wurde die “King Justus” nach ihrer Pleite über Umwege und Tarnfirmen überhaupt nach Indien verkauft? Die Antwort klingt einfach: Wer in Kauf nimmt, dass Schiffe ohne Rücksicht auf Umwelt und Arbeiter zerlegt werden, der kann in den Abwrackwerften Südasiens die höchsten Schrottpreise weltweit erzielen. Eine Tonne Stahl bringt hier bis zu 500 Euro ein, ein Drittel mehr als beispielsweise in China oder der Türkei, wo auch Schiffe zerlegt werden.

Der spätere Verkauf nach Südasien war anscheinend schon mit eingeplant, als König & Cie. die Finanzierung mit der Landesbank NordLB aus Hannover festschrieb. Denn in einem streng vertraulichen Dokument von König & Cie. heißt es: “Der Schrottwert beläuft sich aktuell auf ca. 3,3 bis 3,5 Millionen US-Dollar.” Auf die Tonnage des Schiffs umgerechnet, würde die “King Justus” also um die 500 Euro pro Tonne einbringen – ein Preis, der nur auf dem indischen Subkontinent gezahlt wird.

Niedersachsens Umweltminister mahnt Landesbank

Hat die Nord LB eine Verschrottung in Indien also billigend in Kauf genommen, als sie die “King Justus” finanzierte und die Unterlagen von König & Cie. prüfte? Die Landesbank will zu dem Geschäft nichts sagen. Dafür mahnt Niedersachsens Umweltminister Stefan Wenzel die Bank. “Bei der Finanzierung solcher Vorhaben, bei Schiffsfinanzierungen, gehört auch eine ordnungsgemäße Entsorgung dazu. Und deshalb erwarte ich, dass auch die NordLB künftig Verantwortung übernimmt”, sagte der Grünen-Politiker.

Die Bank habe keinen Einfluss darauf, wo ein Schiff am Ende abgewrackt wird, so ein NordLB-Sprecher. Die Verschrottung stehe üblicherweise erst lange nach der Finanzierung an. Das sei so nicht richtig, sagt dagegen Henning Gramann, der die Lüneburger Firma Green Ship Recycling Services leitet, die sich mit dem Recycling von Schiffen beschäftigt: “Die Einflussmöglichkeiten eines Eigners bestehen ganz klar in der Vertragsgestaltung. Was möchte er? Und wenn er das ganz klar formuliert und auch einen gewissen Kontrollmechanismus mit einbaut, dann kann er sehr wohl bestimmen, wo das Schiff hingeht und wie es recycelt wird.”

Anleger: “Eine schäbige Geschichte”

Anleger Girrbach aus dem Badischen ist entsetzt, als er die Geschichte vom Ende der “King Justus” und von Prashant Dakuas tödlichem Unfall in Alang hört – und er ist enttäuscht: “Das ist im Prinzip eine schäbige Geschichte. Dass man das Geld bei uns in Deutschland eintreibt, und dass man sich dann im letzten Schritt an die Dritte Welt wendet, um noch hier das Maximale an Ertrag rauszuholen. Das passt meines Erachtens nicht zusammen.”

Nach Angaben der Brüsseler Nichtregierungsorganisation Shipbreaking Platform wurden 2014 von 47 ausgemusterten Schiffen deutscher Reeder 32 in Indien verschrottet. Die dortigen Arbeitsbedingungen und der Umgang mit Schadstoffen werden seit Langem von Umweltschützern kritisiert. Der Verband Deutscher Reeder drängt auf die Umsetzung eines internationalen Abkommens, das das Verschrotten von Schiffen neu regelt. Die Großreederei Hapag-Lloyd hatte als erstes deutsches Unternehmen im vergangenen Jahr erklärt, dass sie Schiffe künftig nur noch auf Werften verschrotten lassen will, die klar definierte Umweltstandards einhalten.

Entschädigung für Prashants Tod beträgt 2.500 Euro

In Indien begann für die Familie von Prashant Dakua nach dessen Tod ein monatelanger Kampf um eine Entschädigung. Die Malwi-Werft, auf der Prashant Dakua starb, zahlte das Geld zunächst nicht aus. “Wir wissen ja nicht, wo die Familie lebt. Wir haben sie nicht gefunden”, so die Erklärung des Sicherheitsbeauftragten der Werft. “Bringen Sie die Familie her, dann zahlen wir auch.” Tatsächlich war es nicht schwer, die Dakuas ausfindig zu machen.

Anfang Januar macht sich Prashants Vater auf die tagelange Reise nach Alang, quer durch Indien mit dem Zug. Der alte Mann ist sehr gebrechlich, aber er will, dass der Sicherheitsbeauftragte sein Wort hält. Zwei Wochen harrt er in Alang aus, dann erhält er die Entschädigung, rund 2.500 Euro. Damit kann er die Schulden zurückzahlen, die er für Prashants Hochzeit aufgenommen hatte. Die “King Justus” bekommt er nicht zu Gesicht. Von dem Schiff aus Deutschland ist nichts übrig geblieben.