NETZ Bangladesch Zeitschrift – “Hauptberuflich mit Bangladesch zu tun haben”

(Written by Patrizia Heidegger, Executive Director of the NGO Shipbreaking Platform)

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2 May 2014 – Vom Freiwilligendienst zur Managerin einer Schiffrecycling-Kampagne

Während meiner Zeit als NETZ-Freiwillige in Bangladesch 2006/2007 konnte ich die Auswirkungen einer globalisierten Wirtschaft, in der die wahren Kosten einer sicheren und sauberen Produktion in ärmere Länder wie Bangladesch ausgelagert werden – wo weniger hohe Sicherheits- und Umweltstandards gelten – erleben. Beispielsweise in der Textilindustrie, in der laxe Sicherheitsvorkehrungen und die Ausbeutung der Arbeiterinnen die billigen Preise in Europa ermöglichen. In den Ledergerbereien in Dhaka, die jeden Tag Millionen Liter verseuchtes Abwasser in die Wasserwege der Hauptstadt ableiten, damit der Rest der Welt günstige Lederschuhe tragen kann. Oder in den Shrimp-Farmen, in denen für hohe Umwelt- und Sozialkosten für die lokale Bevölkerung ein Luxusprodukt für den weltweiten Massenkonsum hergestellt wird. Während meiner Zeit vor Ort lernte ich auch den aus Bangladesch stammenden und in Berlin lebenden Filmemacher Shaheen Dill-Riaz kennen, der gerade
die Arbeiten zu seiner mittlerweile mehrfach preisgekrönten Dokumentation „Eisenfresser“ abschloss. So kam ich mit einer Industrie in Kontakt, von der ich zuvor noch nie etwas gehört hatte: die Schiffsverschrottung auf den Stränden im Distrikt Chittagong, im Südosten Bangladeschs.

Auswirkungen unseres Handelns

Schiffsverschrottung oder „Shipbreaking“, wie die Industrie meist genannt wird, ist ein unglaublicher Vorgang. Mit bloßen Händen und barfuß zerlegen die Arbeiter die größten mobilen Strukturen, welche die Menschheit hervorgebracht hat: Container- und Frachtschiffe, Öltanker und Passagierschiffe. Dabei setzen sie jeden Tag ihre Gesundheit und ihr
Leben aufs Spiel. Wie in weiteren gefährlichen Industrien in Bangladesch und anderen ärmeren Teilen der Welt, zahlen die wahren Kosten hierfür nicht die internationalen Konzerne und ihre Konsumenten, sondern die Arbeiter und die Bevölkerung vor Ort. Die „Kosten“ sind Arbeitskrankheiten wie Asbestose und Krebs, tödliche Unfälle, Verkrüppelungen, Einsatz von Kindern für hochgefährliche Arbeiten, verseuchtes Meerwasser und kontaminierte Sedimente und Millionen von Tonnen Giftmüll, die sich über die Jahre ansammeln. Aber auch Bedrohung der lokalen Fischpopulationen, Vertreibung der heimischen Fischer und Zerstörung des Mangrovenwalds, der die Küste vor Erosion und den
regelmäßigen Zyklonen schützt. Bangladesch braucht Arbeitsplätze, aber solche, die den Kreislauf von Armut und Ausbeutung durchbrechen – und ihn nicht ewig fortführen.

Nach meiner Rückkehr nach Deutschland hat mich Bangladesch nicht mehr losgelassen – vor allem nicht die Frage, wie unser Handeln hier das Leben der Menschen  dort  beeinflusst.  Ich habe mich deshalb weiterhin bei NETZ engagiert, die Kampagne für Saubere Kleidung unterstützt und beim Aufbau einer Schule für arbeitende Kinder in Dhaka
geholfen. Als vor gut eineinhalb Jahren die Möglichkeit bestand, eine globale Kampagne für sicheres und sauberes Schiffrecycling zu leiten, war die Entscheidung einfach: Ich wollte sehr gerne hauptberuflich  mit  Bangladesch zu tun haben und habe mich sehr darauf gefreut, mit Partnern aus dem globalen Süden zusammenarbeiten zu dürfen.

Noch keine grundlegenden Verbesserungen

In den letzten Wochen erreichten mich mehrere Nachrichten über tödliche Unfälle. So erschlug eine herabfallende Stahlplatte einen Arbeiter in Chittagong, beim Verschrotten eines US-amerikanischen Schiffs. Diese Art von Unfällen  sind  häufig,  da  die  Schiffe mit Hilfe der Schwerkraft zerlegt werden. Das heißt, anstatt Kräne zu verwenden, krachen die tonnenschweren Teile ins Wasser oder auf den Sand. Seit mehr als zehn Jahre setzen sich die Internationale Arbeitsorganisation (ILO), das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) und die Internatio-nale Seeschifffahrtsgesellschaft (IMO) mit den Arbeits- und Umweltbedingungen auseinander – geändert hat sich wenig. Gründe dafür sind der Unwillen der Regierungen in Südasien strenge Sicherheits- und Umweltstandards durchzusetzen, das fehlende Bewusstsein der Reeder aus Europa, Nordamerika und Ostasien, Verantwortung für das sichere und saubere Recycling ihrer Schiffe zu übernehmen, sowie die Möglichkeit für alle Profiteure, bestehendes internationales, europäisches und
nationales Recht zu umgehen.

Ein lukratives Geschäft

Mehr als 1.200 Container, Frachter, Öltanker, Passagier- und Kreuzfahrtschiffe sowie große Fähren sind 2013 zerlegt worden, mehr als zwei Drittel davon auf den Stränden Südasiens. Während bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts hinein viele Schiffe in europäischen und nordamerikanischen Werften zerlegt wurden, wanderte das Geschäft mit zunehmenden Umweltschutzauflagen in den Industrieländern erst nach Südostasien und dann nach Bangladesch, Indien und Pakistan. Mit dem Anstieg der Stahlpreise wurde die Verschrottung zu einer rentablen Einnahmequelle für Reeder: Die Schiffsverschrotter zahlen für ein Containerschiff noch Beträge weit über 10 Millionen US-Dollar – je nach Größe. Den qualitativ hochwertigen Stahl verkaufen die Verschrotter auf dem Binnenmarkt weiter. Die deutschen Reeder zählten in den letzten Jahren zu den schlimmsten Preisdrückern von Schrottschiffen in Südasien.

Gefahren der Schiffsverschrottung

Gemeinsam ist Bangladesch, Indien und Pakistan, dass Arbeiter die Schiffe direkt auf den Stränden zerlegen – die Methode wird als Strandung bezeichnet. Es gibt keine Anleger oder Trockendocks. Die Strandungsmethode ist besonders gefährlich für die Arbeiter, da das Zerteilen der Schiffe auf den Stränden – in Bangladesch sogar auf schlammigem Untergrund – den Einsatz von ausreichend schwerem Gerät, Kränen und Kraftfahrzeugen schwierig macht, um die tonnenschwere Stahlplatten zu heben und abzutransportieren. Außerdem sind die Schiffe im Gezeitenbereich und auf dem Strand bei Unfällen für Krankenwagen und Feuerwehr nicht zu erreichen. Die Strandungsmethode wäre in Europa undenkbar.

Hinzu kommt, dass auf den Stränden nicht verhindert werden kann, dass Abfälle ins Meer oder die Sedimente gelangen – darunter Ölrückstände und Abwässer. Auch die fachgerechte
Sammlung und Entsorgung besonders gefährlicher Abfälle wie Asbest, Schwermetalle oder Polychlorierter Biphenyle ist auf den Stränden kaum möglich. Schrottschiffe sind für Entwicklungsländer eine der größten Quellen für Giftmüll.

Schmutzig, schwer und gefährlich

Die International Metal Workers Federation berichtete 2007, die Lebenserwartung der Arbeiter im indischen Alang liege bei 40-50 Jahren, also bis zu 25 Jahre unter dem nationalen Durchschnitt. Solche Arbeitsplätze werden von der ILO als „3D jobs“ bezeichnet: “dirty, difficult and dangerous”, auf Deutsch: schmutzig, schwer und gefährlich.

Die Arbeiter haben keine Arbeitsverträge mit den Werftbesitzern. Sie sind Tagelöhner, die von Sub-Unternehmen angeheuert werden. Folge: Die Arbeiter haben kein Arbeitsverhältnis mit den Firmen, für die sie arbeiten, und fallen meist durch die Registrierung für Sozialabgaben und Rentenansprüche. In Bangladesch, Indien und Pakistan dürfen Kinder laut Gesetz keine besonders schweren oder gefährlichen Arbeiten verrichten und keine Nachtschichten arbeiten. Die Internationale Liga für Menschenrechte (FIDH) schätzte 2008, dass Kinder unter 15 Jahren in den Werften in Bangladesch bis zu 20% der Arbeiterschaft ausmachen.

Da es keine offiziellen Statistiken gibt und sich die Werftbesitzer in Schweigen hüllen, bleibt die wahre Zahl von tödlichen und schweren Unfällen im Dunkeln. Ebenso gibt es keine belastbaren Zahlen zu Arbeitsunfähigkeit sowie langfristigen Folgeerkrankungen. Im Jahr 2013 haben unsere Mitgliedsorganisationen in Bangladesh mindestens 23 tödliche Unfälle dokumentiert.

Veränderung in Sicht

Die NGO Shipbreaking Platform und besonders ihre Mitglieder in Bangladesch, Indien und Pakistan haben schon einiges erreicht. Nachdem Schiffsverschrottung in Bangladesch über Jahrzehnte einfach stattfand – ohne wirkliche Kontrolle der Regierung – hat letztere die Branche im Jahr 2011 als Industrie anerkannt und spezifische Vorschriften erlassen.
Das Oberste Gericht des Landes hat dafür gesorgt, dass der Import von Schrottschiffen für einige Zeit ganz zum Erliegen kam, da keiner der Werften sich an die Vorschriften gehalten hatte. Diese Erfolge sind vor allem BELA, einer bangladeschische NGO, die auf Umweltrecht spezialisiert ist, und ihrer Direktorin Rizwana Hasan zu verdanken, die für ihr Engagement schon mehrfach mit Preisen ausgezeichnet worden ist. Unsere Mitgliedsorganisationen in Bangladesch, die kleine Büros neben den Werften unterhalten, dokumentieren Unfälle, bieten Trainings an, stellen einen Arzt zur Verfügung und sorgen dafür, dass die Hinterbliebenen im Todesfall wenigsten eine Entschädigung erhalten.

Im Februar erreichte uns die Nachricht, dass die Forstbehörde in Chittagong zwei Werften geräumt hat. 2009 waren mehrere illegal auf Waldgebiet errichtet worden und die Betreiber hatten Zehntausende Mangrovenbäume gefällt. Unter den Akteuren war auch ein Parlamentsabgeordneter. Der Grüngürtel entlang der Küste war zuvor mühevoll mit internationalen Geldern aufgeforstet worden, um die lokale Bevölkerung vor Wirbelstürmen und Überschwemmungen zu schützen. Wir haben uns über den Etappensieg gefreut, denn er
zeigt der Industrie, dass sie keinen Bestand haben wird, wenn sie sich nicht an Recht und Gesetz hält. Die Plattform und ihre Mitglieder fordern, dass Bangladesch nicht Schrottplatz der globalen Wirtschaft bleibt, sondern die Schiffsverschrottung-Branche Mindeststandards umsetzt, um eine nachhaltige Entwicklung zum Wohle aller zu ermöglichen.

Patrizia Heidegger ist Geschäftsführerin der NGO Shipbreaking Platform in Brüssel, eines weltweiten Zusammenschluss von Umweltschutz- und Menschenrechtsorganisationen, die sich für bessere Arbeitsbedingungen und mehr Umweltschutz im Schiffrecycling in Südasien einsetzt. Sie hat als NETZ-Freiwillige ein Jahr die bangladeschische Menschenrechtsorganisation Ain o Shalish Kendra unterstützt, war im NETZVorstand aktiv und schreibt regelmäßig über Menschen- und Arbeitsrechtsthemen in Südasien.