Neue Osnabrücker Zeitung – 365 Schrottschiffe aus Europa vergangenes Jahr auf Stränden in Asien abgewrackt

(Written by Dirk Fisser)

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7 February 2013 - Osnabrück. Die letzte Reise führt nach Indien, Pakistan oder Bangladesch. Hier wird ein Großteil der Schrottschiffe aus Europa abgewrackt. Unter fragwürdigen Bedingungen für Mensch und Umwelt. 365 Kähne sollen es im vergangenen Jahr gewesen sein. So viele wie noch nie. Aktivisten und Politiker kritisieren das. Die Reeder schweigen.

„Beachen“ heißt der Vorgang in Fachkreisen. Unter voller Fahrt werden die Schiffe auf die Strände gefahren. Dann beginnt die Arbeit der Abwracker: Mit Schweißgeräten und anderen Hilfsmitteln rücken sie den Stahlkolossen zu Leibe – oft unter Lebensgefahr, wie Patrizia Heidegger beklagt. Sie arbeitet für die Brüsseler Nichtregierungsorganisation (NGO) „Shipbreaking Platform“ , einen Zusammenschluss von Aktivisten, die sich gegen das Abwracken in Südasien starkmachen.

Die NGO hat nachgezählt: 2012 sollen Europas Reeder 365 Schiffe auf die Strände geschickt haben. Auf Platz eins Griechenland mit 167 Schiffen, gefolgt von Deutschland mit 48. Im Vergleich zum Vorjahr sei das ein Anstieg von 75 Prozent, so Heidegger.

Diese Entwicklung sei der Krise der Schifffahrtsbranche geschuldet, vermutet sie. „Früher waren es wirkliche Schrottschiffe, die nach Südasien geschickt wurden.“ Heute fänden sich unter den Kähnen auch jüngere Baujahre. Auf einer Liste der NGO stehen Schiffe mit dem Baujahr 1997 – dabei wird die Lebenszeit eines Containerschiffes in Branchenkreisen mit 25 Jahren angegeben.

Doch den Reedern fehlt derzeit die Fracht, Überkapazitäten belasten die Kassen. Billiger, als Liegeplatzgebühren in Häfen zu zahlen, scheint da vielen der Schiffsverkauf. „Möglichst großer Profit“ stehe dabei im Vordergrund, so Heidegger.

Und den versprächen nun einmal die Abwracker in Südasien. Sie böten besonders viel Geld, da der Stahlpreis in Asien hoch, die Umwelt- und Arbeitsschutzauflagen gering seien. Je nach Schiffsgröße liege der Preis bei einer bis fünf Millionen Euro und mehr, die die gebeutelten Unternehmer für ihr Schiff bekämen.

„Doch das Abwracken passiert jenseits jeglicher Standards“, weiß Heidegger. Um fachgerechte Entsorgung von Giftstoffen wie Asbest und Restöl kümmere sich häufig niemand. Oft käme es auf den Werften zu Todesfällen. „Und ein Viertel der Arbeiter sind unter 15 Jahren. All das nehmen die Reeder in Kauf.“

Die schweigen. Unsere Zeitung hat versucht, mit den auf der NGO-Liste genannten Unternehmen Kontakt aufzunehmen. Darunter beispielsweise ein Reeder aus Leer in Ostfriesland. Rückrufbitten bliebenunbeantwortet. Allein Hapag-Lloyd – viermal auf der Liste genannt – bezog Stellung. „Wir verkaufen unsere Schiffe nicht an Verschrotter“, erklärte ein Sprecher der Hamburger Reederei. Man lasse sich eine Weiternutzung des Schiffes vertraglich zusichern. Allerdings gesteht er auch ein: „Wir haben keinen Einfluss darauf, wie es danach weitergeht.“

Heideggers NGO kennt die Tricks der Reeder und der Abwracker. Die Schiffe verließen europäische Gewässer, würden an Zwischenhändler verkauft, umgeflaggt und dann nach Südasien geschickt, schildert sie die Vorgänge. Das alles sei eine rechtliche Grauzone, die bewusst ausgenutzt werde.

Doch Europas Politiker wollen damit Schluss machen. Im März vergangenen Jahres war die EU-Kommission mit einem Vorschlag vorgeprescht: Zukünftig soll das Abwracken von Behörden genehmigt werden. Wer dagegen verstößt, der muss Strafe zahlen.

Derzeit beraten die parlamentarischen Gremien. Am 20. Februar der EU-Umweltausschuss. Vorsitzender Matthias Groote (SPD) sagt: „Trotz der angespannten wirtschaftlichen Lage müssen die Reeder zu ihrer gesellschaftlichen Verantwortung stehen.“ Er spricht von einem Skandal. „Es kann nicht sein, dass wir unseren Wohlstandsmüll in Asien abwracken.“ Im Sommer muss das EU-Parlament entscheiden. Groote hofft, dass dem Beachen in Südasien „Einhalt geboten wird“.