VKS – Abwracken am Strand: Europäische Schiffe werden zur

(Written by Elisabeth Mader)

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1 September 2013 - Interview mit Patrizia Heidegger, Geschäftsführerin der NGO Shipbreaking Platform

Die Shipbreaking Platform, eine Nichtregierungsorganisation (NGO) mit Sitz in Brüssel, macht sich dafür stark, dass Schiffe aus EU-Staaten nicht weiterhin in Bangladesch, Pakistan oder Indien unter für Mensch und Umwelt gefährdender Art und Weise verschrottet werden. VKS-NEWS-Redakteurin Elisabeth Mader sprach mit Patrizia Heidegger, Geschäftsführerin der Organisation, über die gesetzlichen Grundlagen des Schiffsrecyclings, die Position der Bundesregierung zu dem Thema und Unternehmen, die sich öffentlich dazu bekennen, keine Schiffe mehr auf Stränden zu verschrotten.

VKS-NEWS: Frau Heidegger, wofür setzt sich Ihre Organisation ein?

Patrizia Heidegger: Die NGO Shipbreaking Platform ist ein Zusammenschluss von 18 Umweltschutz-, Arbeits- und Menschenrechtsorganisationen, die sich für sicheres und sauberes Recycling von Schiffen einsetzen. Momentan landet der Großteil der ausgemusterten Ozeanriesen in Indien, Bangladesch und Pakistan auf dem Strand. Allein im vergangenen Jahr haben europäische Reeder 365 Schrottschiffe nach Südasien verkauft, darunter auch zahlreiche deutsche Unternehmer. Die Methode der Strandung birgt größte Gefahren für Mensch und Umwelt. Giftstoffe können nicht zurückgehalten werden und verseuchen Wasser und Sedimente. Die Strände erlauben auch den Einsatz von schweren Maschinen und Kränen nicht, die die Arbeit erleichtern und vor allem das Unfallrisiko durch Stürze aus großer Höhe einschränken könnten. Schließlich bestehen auf den Stränden keine angemessenen Möglichkeiten für Rettungseinsätze, etwa für die Feuerwehr oder Krankenwagen, wenn es im Schiffsinneren zu einem Unfall kommt – die Schrottschiffe stecken im Schlamm und sind nur schwer zu erreichen.Es ist uns durch unsere Kampagnen gelungen, die Problematik auf die Tagesordnung der internationalen Organisationen zu setzen und hier rechtliche Weiterentwicklungen zu bewirken. Unsere anhaltende Kritik war sicherlich auch ein entscheidender Faktor dafür, dass sich die EU nun mit der Problematik beschäftigt und eine neue Verordnung zum Schiffsrecycling erlassen hat. Auch in Südasien haben unsere Mitgliedsorganisationen durch Gerichtsverfahren erreichen können, dass die Regierungen die Industrie überhaupt anerkennen und nun versuchen, diese auch zu regulieren. Durch all das haben sich die Arbeitsbedingungen und der Umweltschutz vor Ort schon verbessert – wenn auch nicht maßgeblich, denn dazu müsste die Verschrottung weg von den Stränden hin in feste Anlagen verlegt werden.

Warum werden diese Schiffe nicht in den Mitgliedsländern der EU recycelt?

Die Antwort ist einfach: Es geht ums Geld. Das Recycling alter Schiffe kostet den Reeder nichts, er erhält für den Verkauf seines alten Schiffs noch beachtliche Summen. Der Stahl, aus dem Schiffe gebaut sind, ist sehr wertvoll. Der Preis, den der Eigentümer erzielen kann, hängt von zwei Faktoren ab: Von der Menge an Stahl, die wiederverwertet werden kann und von den Bedingungen, unter denen abgewrackt wird. Den meisten Profit können Reeder in Südasien ziehen, wo die Schiffe unter gefährlichen Bedingungen von ungeschützten und mangelhaft ausgebildeten Arbeitern zerlegt werden. Diese Bedingungen wären in Europa niemals zulässig – weder aus Umweltschutz- noch aus Arbeitsrechtperspektive. Vor allem die sichere und saubere Entsorgung von Asbest ist teuer. Das mindert den Preis für ein altes Schiff. In der EU gelten strenge Regeln. So dürfen Arbeiter Asbest nur in vollständig abgedichteten Räumen entfernen. Die Luft und selbst das Duschwasser werden gefiltert, um sicherzustellen, dass keine einzige Asbestfaser in die Luft gelangt. In Pakistan haben wir im Dezember beobachtet, wie die Arbeiter Asbest, nur mit Lederhandschuhen ausgestattet, herausreißen.

Welche Gesetze regeln das Schiffsrecycling derzeit?

Schrottschiffe sind im europäischen Gemeinschaftsrecht von der Müllverbringungsverordnung gedeckt. Die Vertragsstaaten von Basel haben sich darauf geeinigt, dass Schrottschiffe auf Grund der großen Menge gefährlicher Stoffe ihrer Struktur als Giftmüll gelten, sobald ihre Verschrottung ansteht. Der Export eines Schrottschiffs aus der EU in ein Entwicklungsland wie Indien, Bangladesch oder Pakistan ist verboten. Leider bemühen sich die Mitgliedstaaten wenig, dieses Exportverbot auch durchzusetzen. Immer wieder haben wir Behörden über einen bevorstehenden illegalen Export informiert, doch zu oft haben die Behörden die Schiffe ziehen lassen. Vorbildlich haben im vergangenen Jahr deutsche Behörden reagiert, als das Containerschiff „Northern Vitality“ rechtswidrig von Wilhelmshaven nach Indien verkauft werden sollte. Das niedersächsische Umweltministerium hat das Schiff aufgehalten, so lange, bis klar war, dass es repariert werden soll. Abgesehen von der laxen Implementierung durch die Behörden ist die Praxis der Reeder problematisch: Sie wissen um das Exportverbot und verkaufen ihre Schiffe einfach auf hoher See – dort kann die EU das Exportverbot schwer durchsetzen. Die Reeder umschiffen das bestehende Recht.

Mitte Juni haben sich die EU-Kommission, das Europäische Parlament und der Rat der EU auf einen Kompromiss zum Schiffsrecycling geeinigt. Wie bewerten Sie diesen?

Die NGO Shipbreaking Platform sowie die rund 160 Umweltschutzorganisationen, welche das European Environmental Bureau (EEB) vertritt, haben sehr klare Kritik sowohl am ursprünglichen Entwurf der Kommission als auch am Kompromiss geübt, da die neue Verordnung eine klare Verantwortung für europäische Schiffseigentümer in die Zukunft vertagt. Wir befürchten, dass die neue Verordnung nichts daran ändern wird, dass ein Großteil der europäischen Schrottschiffe weiterhin auf Stränden in Südasien landen wird. Denn die neuen gesetzlichen Rahmenbedingungen werden Reeder nicht davon abhalten, zu einer Billigflagge auszuflaggen, um die Verordnung zu umgehen. Ohne einen wirtschaftlichen Anreiz jenseits des Systems der Flaggen wird es also keine große Veränderung in der Praxis geben.

Was ist die Position der Bundesregierung zu diesem Thema?

Die deutsche Regierung zählte in diesem Prozess nicht zu den progressiven Schifffahrtsnationen wie Dänemark oder die Niederlande, sondern hat wie die südlichen Schifffahrtsnationen Griechenland, Zypern und Malta versucht zu verhindern, dass die EU Bestimmungen erlässt, die über internationale Standards hinausgehen. Die internationale Staatengemeinschaft konnte sich 2009 nicht auf ein Ende der Strandungsmethode verständigen, auch wenn schon vor über zehn Jahren beschlossen wurde, dass die Methode in einer Übergangsphase abgelöst werden soll. Ich war enttäuscht, dass Deutschland als eine der größten Seefahrtnationen der Welt in der Frage des Schiffrecyclings seiner sonstigen Vorreiterrolle in Sachen Umweltschutz und Menschenrechte nicht gerecht geworden ist und beispielsweise das Verbot des „beaching“ nicht unterstützt hat. Dabei standen deutsche Reeder im letzten Jahr an zweiter Stelle unserer Liste der schlimmsten Verschmutzer bei der Verschrottung – gleich nach den griechischen Reedern.

Sie haben gerade eine neue Kampagne gestartet, die sich an Unternehmen richtet. Worum geht es?

Das Problem ist komplex und Lösungen sind nicht einfach. Wir brauchen Unterstützung von allen Seiten: Von den Regierungen in Südasien, der internationalen Gemeinschaft, der EU, den Recyclern, aber vor allem von den Reedern, denn sie treffen die Entscheidung, wohin es gehen soll. Der Großteil der Schiffseigner sieht sich bisher leider noch nicht in der Verantwortung – entweder leugnen sie, dass ihre Schiffe auf Stränden abgewrackt werden, schieben die Verantwortung auf die Mittelsmänner, die ihre Schiffe dorthin bringen, oder sie vertrauen leichtgläubig zweifelhaften  „grünen“  Zertifikaten,  die uns weismachen wollen, man könne ein Schiff sicher und sauber auf einem Strand abwracken. Dank unserer Kampagnen gibt es mittlerweile einige große Schiffseigner, welche sich öffentlich dazu bekennen, keine Schiffe mehr auf Stränden zu verschrotten. Darunter ist der dänische Riese Maersk sowie seit Anfang dieses Jahres das niederländische Unternehmen Royal Dutch Boskalis. Der erste Schritt unserer Unternehmenskampagne ist die neue datenbasierte Internetseite www.offthebeach.org. Die Datenbank listet alle Reeder, welche seit 2009 mindestens ein Schiff zur Strandung geschickt haben. Die Transparenz über Reedereien, ihre Verschrottungspraktiken und ihre aktuellen Flotten soll den Druck erhöhen. In einem nächsten Schritt werden wir den Reedern unsere konkreten Forderungen kommunizieren und mit denjenigen konstruktiv zusammenarbeiten, welche an einer tatsächlichen Verbesserung interessiert sind. Zudem arbeiten wir mit dem Clean Shipping Index aus Schweden zusammen: Dort können sich Unternehmen, die große Warenmengen per Schiff verschicken, über die Umweltstandards ihrer Vertragspartner informieren. Führende Unternehmen wie H&M oder Volvo sind bereits dabei und verlangen sauberen und sicheren Transport auf See.