Wirtschaftswoche – Schiffsfriedhöfe: Europäer laden Müll in Asien ab

(Written by Birk Grüling)

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18.02.2014 - Unzählige Stahlgerippe ragen aus der Brandung am Golf von Khambhat in Indien. Der einstige Traumstrand ist in den letzten 30 Jahren zu einer der größten Müllhalden der Schifffahrt verkommen.

Deutsche Fähren liegen Seite an Seite mit amerikanischen Flugzeugträgern und ausrangierten Tankern. Laut Experten-Schätzungen landen auf diesem Schiffsfriedhof vor der indischen Küste mehr als die Hälfte aller schrottreifen Ozeanriesen.

In den letzten 30 Jahren waren es über 6.000 Schiffe. Mit letzter Motorkraft werden sie an den Strand gesetzt, von billigen Arbeitskräften ausgeschlachtet und dann dem eigenen Zerfall überlassen. Fachgerechte Entsorgung oder Trockendocks sucht man hier vergeblich. Stattdessen läuft das Schweröl direkt ins Meer. Hinzu kommen noch andere giftige Reste in den Schiffen, wie Schwermetalle, hochradioaktive Stoffe und Asbest.

Die Küsten Indiens sind aber nicht der einzige riesige Schiffsfriedhof, an dem Umweltstandards kaum etwas gelten. Auch Strände in Pakistan und Bangladesch sind zu riesigen Schrottplätzen verkommen. Vor allem verantwortlich dafür sind Reedereien in Europa, wie eine Untersuchung der belgischen NGO Shipbreaking Platform jetzt zeigt.

An der Spitze des unrühmlichen Rankings stehen griechische und deutsche Reeder. Bis zu 80 Prozent ihrer alten Schiffe werden an den Stränden der Schwellenländer zerlegt und nicht in modernen Recyclinganlagen, wie es die Europäische Union vorschreibt.

Schrottprämie statt richtige Entsorgung

Die alarmierende Gesamtbilanz, die die NGO zieht: Von 1213 ausrangierten Ozeanriesen wurde 2013 rund die Hälfte an den Stränden Südasiens zerlegt. Wiederum 40 Prozent der Schiffe kam aus Europa.

Die Krise der Schifffahrt zwingt die Reedereien weltweit zum Sparen. Flotten werden ausgedünnt und alte Schiffe rücksichtslos entsorgt. Auch 2012 wurden mehr als tausend Ozeanriesen verschrottet, die meisten von ihnen illegal an den Küsten Südasiens. Eigentlich hat Indien wie viele andere Schwellenländer auch die Basler Konvention zur Kontrolle von Sondermüllexporten unterzeichnet. Geändert hat sich nichts.

Im Alltag spielen Umweltstandards und Entsorgungsvorschriften kaum eine Rolle. Mit gefälschten Papieren und satten Bestechungsgeldern umgeht die Abwrackindustrie lästige Kontrollen. In den Industrieländern müssten die Reedereien ihren schwimmenden Müll teuer entsorgen. In den Schwellenländern bekommen sie sogar eine Schrottprämie von den Händlern vor Ort. Für einen großen Tanker werden bis zu zwölf Millionen US-Dollar gezahlt. Knapp die Hälfte des Materials eines Schiffs kann noch verwertet werden.

Besonders der Schiffsstahl ist beliebt, fast zehn Prozent seines Stahlbedarfes deckt Indien inzwischen aus den Wracks. Aber auch die Überbleibsel der Mannschaften und das Innenleben der Kabinen lassen sich auf den Basaren der Küstenstädte zu Geld machen. Die Leidtragenden der skrupellosen Geschäfte sind die Arbeiter auf den Schiffsfriedhöfen. Bis zu 20.000 Menschen, ohne berufliche Perspektive und schulische Ausbildung, arbeitet schätzungsweise im indischen Khambhat.

Schiffsstahl lässt sich gut verkaufen

Die Arbeitsbedingungen sind katastrophal und Todesfälle an der Tagesordnung. Die Schiffe werden mit bloßen Händen und einfachem Werkzeug direkt in der Brandung zerlegt. Kaum mehr als ein paar Rupien pro Tag bekommen die Arbeiter dafür. Barfuß und ohne Schutzkleidung steigen sie durch die Wracks, nur einen Helm auf dem Kopf. Auf Ölreste und andere hochgiftige Inhaltsstoffe nimmt hier keiner Rücksicht. Unbrauchbarer Schrott wird sogar noch am Strand verbrannt.

Für die EU-Reeder war es bisher leicht, die Vorgaben des Gesetzgebers zu umgehen. Mehr als 75 Prozent aller europäischen Schiffe, die im letzten Jahr verschrottet wurden, fuhren nicht mehr unter europäischer Flagge. Stattdessen wehen die Fahnen von Tuvalu, den Komoren oder Sierra Leone an Bord. Das Ausflaggen ist fast schon eine traditionelle Möglichkeit für Reeder, um lästige Regulierungen zu umgehen.

Umweltschützer fordern deshalb von der Europäischen Union, stärkere wirtschaftliche Anreize für sicheres und sauberes Recycling zu schaffen. Grund zur Hoffnung gibt die steigende Zahl von verantwortungsbewussten Reedern, die sich freiwillig zum kontrollierten Schiffsrecycling verpflichten. So lassen beispielsweise japanische und chinesische Reedereien schon mehr als die Hälfte ihrer Schiffe an Land in ordentlichen Trockendocks bearbeiten.

Auch große europäische Reedereien wie Maersk, Royal Dutch Boskalis oder Grieg und Höegh aus Norwegen wollen ihre Schiffe nur noch innerhalb der OECD-Grenzen abwracken.

Im Dezember 2013 hat die EU auch eine neue Richtlinie für das Schiffsrecycling erlassen – bis die Schlupflöcher nicht gestoppft werden, bringt sie aber wohl wenig. Eine weitere Möglichkeit wäre für die Reeder mit den Staaten in Asien zu kooperieren und das Schrottgeschäft umweltfreundlicher zu gestalten. Davon würden alle profitieren: Die Reeder, die Arbeiter und die Umwelt.